Lesen durch Schreiben: Wie klingt der Buchstabe?

In seiner Ausgabe vom 02.04.2014 berichtet das Darmstädter Echo über die an den Darmstädter Grundschulen angewandten Methoden, wie Kinder das Lesen und Schreiben lernen. Die Beiträge Lesen durch Schreiben: Wie klingt der Buchstabe? und "Hinunter, hinauf, ein kleiner Kopf drauf"  von Wolfgang Horn sind im Folgenden nachzulesen.

Lesen durch Schreiben: Wie klingt der Buchstabe?

LERNMETHODEN   Konzept des Reformpädagogen Jürgen Reichen als Alternative zum eher konservativen Weg

Die vom Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen entwickelte Lernmethode „Lesen durch Schreiben“ wird in der Diskussion um das angebliche Versagen beim Lernen der Rechtschreibung häufig als Hauptgrund angeführt. „Zu Unrecht“, entgegnen deren Befürworter.
Das Kollegium der Erich Kästner-Schule in Kranichstein arbeitet seit 2007 mit „Lesen durch Schreiben“, einhergehend mit der ein Jahr zuvor begonnenen flexiblen Eingangsphase („Flex“), erläutert Rektorin Sabine Michel-Sturm. In den gemischten Klassen mit Kindern im Alter von fünf bis acht Jahren werde individualisiert gelernt. Das sei mit einer Standard-Fibel nicht möglich, sagt Lehrerin Ivonne Wiemer und erklärt die Methode: „Die Kinder lernen lesen, indem sie zunächst lautgetreu schreiben.“
Alle Buchstaben und -verbindungen, die man dafür braucht, finden sie in der von Reichen entwickelten Buchstabentabelle. Dass dort seltene Buchstaben zunächst noch fehlen, begründete der Reformpädagoge so: „Wenn die Kinder sich zum Teil selber auf die Suche nach Buchstaben machen, bleibt ihnen das Wissen, unterwegs zu sein, dass sie schon viel können, aber noch nicht alles.“ „Lernen erfordert aktive Prozesse“, sagt Jürgen Reichens langjährige Mitarbeiterin Wiemer. „Schreiben ist ein aktiver Prozess, Lesen ein rezeptiver.“
Schulleiterin Michel-Sturm sagt, in der Altersspanne der „Flex“ spiegele sich die Entwicklung der Kinder wider. Ihren unterschiedlichen Bedürfnissen trage man unter anderem mit dem Lernbilderbuch „Lara und ihre Freunde“ Rechnung; es biete großen Gestaltungsspielraum. Zur Bewertung ihrer Arbeit bedient sich die Kästnerschule jährlich der standardisierten „Hamburger Schreibprobe“. Die Ergebnisse signalisierten regelmäßig, so Michel-Sturm, „dass wir die landesweiten Anforderungen gut erfüllen können“.

„Phonologische Bewusstheit“
Das lassen sich die Kinder der 1a der Ludwig-Schwamb-Schule nicht zweimal sagen: „Ihr könnt alle Wörter schreiben, die ihr wollt“, verkündet Klassenlehrerin Ulrike Staudt. „Je mehr sie frei schreiben, desto schneller lernen sie Lesen“, erklärt Staudt das Wesentliche des Prinzips „Lesen durch Schreiben“. Für Lesen und Schreiben lernen unumgänglich sei es, „die phonologische Bewusstheit zu stärken“: Nicht, wie der Buchstabe heißt, sondern wie er klingt, ist wichtig.
Die Kinder lernen beim freien Schreiben, welcher Buchstabe welchen Laut abbildet und können schnell lautgetreu Wörter und Texte schreiben. Der Leselernprozess beginnt. Auch mit Hilfe unterschiedlichster Methoden, unter anderem den mit der Reichen-Lehre gekoppelten Lernwerkstätten, lernten die Kinder, „sich selbst zu organisieren und zu korrigieren“.
Die Kritik oder Befürchtung von Eltern, ein einmal falsch geschriebenes Wort werde immer falsch geschrieben, sei nicht angebracht, sagt auch Dagmar Goldmann-Pahl, Leiterin der Eberstädter Grundschule. Parallel zum freien Schreiben beginnt deshalb bereits in der ersten Klasse das Erlernen wichtiger Prinzipien der Rechtschreibung.
Die Tücke bei der eher konservativen Methode, lesen und schreiben zu lernen, liege unter anderem darin, dass Kinder, die des Lesens schon fähig seien, mehr oder weniger schnell die Lust verlieren könnten, sagt die Rektorin. Dagmar Goldmann-Pahl: „Es geht ums Lesen lernen. Der Rechtschreibprozess beginnt in der Grundschule, hört da aber nicht auf.“

 

Wie Kinder heute lesen und schreiben lernen

BILDUNG   Leseanreize, Lautgebärden, handlungsorientierter Unterricht und sogar die eine oder andere Zauberei

„Guten Morgen, Frau Rischke“, schallt es durch den Klassenraum, nicht weniger lautstark folgt „Ahoi, Frau Rischke“. Stella, Samantha, Nico, Jakob und die anderen 20 Kinder der 1a der Wilhelm-Hauff-Schule haben in dieser Woche den Buchstaben P zu Gast. „P wie Pirat“, sagt ihre Deutschlehrerin Amelie Rischke. Die 29 Jahre alte Referendarin hat die Woche kurzerhand zur Piratenwoche erklärt. „Am Freitag werdet ihr ganz viele Wörter mit P schreiben können“, verspricht sie den Mädchen und Jungen.
So ein P hat es in sich, wie sich zeigt, wenn die Kinder die Gebärdensprache anwenden. Die rechte Hand liegt, zur Faust geballt, am Kinn, die Kinder sollen „P, P, P“ hauchen. „Was spürt ihr?“, fragt Rischke. „Da kommt Luft aus dem Mund“, antwortet Nico. Dann üben die Erstklässler das große P an der guten alten Kreidetafel. „Hinab die Stang‘, ein dicker Kopf daran“, gibt die Lehrerin die Richtung vor. Das kleine p sei schwieriger, sagt sie: „Hinunter, hinauf, ein kleiner Kopf darauf.“
Die Wege, um den Kindern Lesen und Schreiben beizubringen, scheinen so vielfältig wie die Buchstaben selbst (dazu „Hintergrund“). 90 Prozent der Jungen und Mädchen in Rischkes Klasse sind nicht mit der deutschen Sprache aufgewachsen, was eine besondere Herausforderung darstellt. „Ich bette das gern in Themen ein, wie etwa die Piratenwoche“, erläutert die Pädagogin. Da hilft auch „Lolo“, der Klassenelefant, den Amelie Rischke mit einem Bilderbuch in Einklang bringt. „Die Kinder brauchen Leseanreize, man muss sie emotional ansprechen.“ Beispielsweise hatten die Kinder den Weihnachtsbaum in der Klasse mit selbst geschriebenen Grüßen für „Lolo“ geschmückt.

Buchstaben kann man auch fühlen und kneten
Damit sich die Erstklässler das Gelernte einprägen, ist auch handlungsorientiertem Unterricht wichtig. Rischke lässt die Kleinen die Buchstaben gern fühlen, kneten, in den Sand malen, erlaufen oder auf den Rücken des Nachbarn schreiben.
Nicht auf den Rücken, sondern an die Tafel hat Rischkes Kollegin aus der 1b, Roswitha Mohadjer (60), ein e geschrieben. Takrim macht es ihr nach, doch der Buchstabe hat eine kleine Lücke. „Das e hat ein Loch, da kann es reinregnen, das wollen wir nicht“, sagt Mohadjer. Auch das n im Wort Tinte wird mit einem Sprüchlein bedacht: „Von oben nach unten, Rückwärtsgang und Bogen dran.“
Bei aller Aufmerksamkeit, mit der die Kinder bei der Sache sind, gibt es hin und wieder kleinere Turbulenzen. Ein Mädchen und ein Junge, die sich am Tisch gegenübersitzen, kommen sich ins Gehege, weil sie ihre Utensilien hin- und herschieben. Es gibt böse Blicke und harsche Töne, und die Lehrerin ermahnt den als erster aktiv gewordenen Jungen: „Wenn du sauer bist, sage ihr das höflich.“

„Lesen können ist die halbe Miete fürs Leben“
Auch das meint Roswitha Mohadjer, wenn sie davon spricht, die Kinder benötigten „klare Ansage“. Sie seien allesamt lernwillig. „Lesen können ist die halbe Miete fürs Leben“, sagt die Pädagogin und berichtet, ein Teil der Eltern sei des Lesens und Schreibens unkundig.
In Eberstadt benutzen die Pädagogen das Lehrwerk „Einsterns Schwester“ des Cornelsen Verlags, im Kollegium der Wilhelm-Busch-Schule in Arheilgen hat man sich auf das „ABC der Tiere – Lesen und Schreiben in Silben“ des Mildenberger Verlages verständigt. „Was ist eine Silbe?“, fragt Jasmin Kalisch (55) in ihrer 1a. „Buchstaben, die miteinander verbunden sind“, antwortet Jessica. „Davon lernen wir mehr und mehr und mehr“, sagt Kalisch. Die „Indianerlaute“ a, e, i, o und u sind schon bekannt, und deshalb erkennt Jan auch das von David mit Gesten angezeigte Wort Schule. Im Heft markieren die Kinder die erste Silbe blau, die zweite rot.
Diese beiden Farben spielen eine große Rolle. Ins rote Arbeitsheft kommen die neuen Aufgaben, ins blaue die schon bekannten Laute und Wörter. Auch das habe etwas mit Struktur zu tun, sagt Jasmin Kalisch. „Gerade schwächere Schüler brauchen ein Gerüst, eine Struktur.“ Die Strukturierung der Sprache liegt ihr am Herzen, sie favorisiert das silbenbasierte Lesen nach der Methode, dass die Kinder nie einen Buchstaben isoliert lernen sollen.
Dass dies gegensätzlich ist zur Methode „Lesen durch Schreiben“, den beispielsweise die Erich Kästner-Schule und die Ludwig-Schwamb-Schule praktizieren (dazu weiterer Bericht), ist auch Kalisch bewusst.
Zum Repertoire der erfahrenen Pädagogin gehört es, dass die Kinder „chorisch lesen“, wie sie sagt: „Damit will ich ihnen die Angst nehmen vor lautem Lesen.“
Im Buch sind die Erstklässler auf Seite 46 angelangt. Die Frage lautet „Was essen wir?“ Die Kinder können sich sozusagen einen Fruchtsalat auftischen: Ananas, Rosine, Melone. Wer sich jedoch für den falschen „Indianerlaut“ entscheidet oder gar einen vergisst, dem bekommt die Mischung aus Annas, Rusine und Milone gar nicht gut. Den Jungen, der diese drei Worte geschrieben hat, ermuntert die Klassenlehrerin, noch mal genau hinzuhören, deutlich zu sprechen und die Laute zu klatschen.

Zweitsprache kann auch eine Hürde sein
Jasmin Kalisch lässt nicht unerwähnt, dass recht viele ihrer Schüler mit einer zweiten Sprache aufwachsen. In aller Regel spreche ein Elternteil gut deutsch, der andere seine Muttersprache. Im Prinzip sei das gut, doch bisweilen könne eine zweite Sprache eine Hürde sein.
„Oh! Hä? Hier?“ lauten die Reaktionen in der 1c, als Gabi Segobia (37) ankündigt: „Ich will zaubern mit euch.“ Hokuspokus, Fidibus: Schon wird aus dem Wal ein Tal, aus der Sonne eine Tonne, aus dem Wurm ein Turm, aus der Dose eine Rose. „Hintendran steht immer dasselbe“, erkennt ein Kind. Dann zeichnet die Lehrerin ein Häuschen an die Tafel, darin ein N und, mit doppelt so viel Platz, ein a. Gabi Segobia erklärt: „Na ist eine offene Silbe.“ In einem kleineren Häuschen daneben (Segobia: „Eine Garage“) sind die Buchstaben s und e. Auch so lässt sich ein Wort in seine Einzelteile zerlegen – ob mit oder ohne Zauberei.

Picknick im Wald

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