Es gibt keinen Grund "Lesen durch Schreiben" zu verbieten

Am 7. Mai 2014 fand im Plenarsaal des Landtags NRW eine öffentliche Anhörung statt, bei der 11 Experten Stellung bezogen zum Antrag der FDP Fraktion, die Methode „Lesen durch Schreiben“ und alle darauf fußenden Konzepte zu verbieten, bis eine großangelegte wissenschaftliche Studie deren Verbreitung und Wirksamkeit untersucht hat. Inhaltlich entsprach die Diskussion dem, was auch in der Hamburger Anhörung zum dortigen FDP-Antrag, mit dem die FDP scheiterte, argumentiert wurde.
Fazit: Es gibt keine Veranlassung, einzelne Methoden zu verbieten.

Und so formulierte es --> Hans Brügelmann in seiner Stellungnahme:
"Dabei ist insbesondere zu verhindern, dass das Ziel, möglichst korrekt zu schreiben, andere Formen des Umgangs mit Schriftsprache (Lesen, Texte verfassen) dominiert. Denn in einem sind wir uns sicher einig:
Wem nutzt es, Belanglosigkeiten oder inhaltlichen Unsinn orthographisch korrekt schreiben zu können?"

Die --> Stellungnahme des Grundschulverbandes NRW sowie alle weiteren Stellungnahmen sind auf der Webseite des Landtags NRW nachzulesen.

Durch die Presseberichterstattung entstand jedoch ein völlig falscher Eindruck von dieser Expertenanhörung. So schrieb etwa die Rheinische Post in ihrer online-Ausgabe vom 08.05.2014: "Die meisten Grundschüler in NRW lernten die Rechtschreibung nach dem Muster "Schreib, wie du sprichst - der Rest kommt von allein"".
Hans Brügelmann und Baldur Bertling, die beide als Experten an der Anhörung teilnahmen, haben versucht diesen Eindruck in Leserbriefen zu korrigieren:


Rechtschreibunterricht in der Grundschule auf der schiefen Bahn?
Diese einseitige Sicht vermittelt der Bericht über die Anhörung im Landtag auf der Titelseite am 8.5. Christian Schwerdtfeger zitiert aber nur zwei der elf Sachverständigen – genau die, deren Einschätzungen seiner Ansicht übereinstimmten. Mehrheitlich äußerten sich die Experten aus Forschung und Schulpraxis aber ganz anders:
1. Dass in NRW generell nach dem Prinzip „die Kinder lernen die Rechtschreibung von selbst" unterrichtet würde, ist eine Mär.
2. Zwar ist empirisch belegt, dass lautorientiertes Schreiben der beste Einstieg in den Schriftspracherwerb ist.
3. Auf dieser Basis sind die Kinder aber schon in Klasse 1 - und dann in zunehmendem Maße –auf die Rechtschreibung hin zu orientieren: durch gemeinsame Suche nach Regelmäßigkeiten und individuelle Übung. 4. Genau so steht es auch im Lehrplan NRW und so fordern es auch die von der FDP kritisierten didaktischen Konzeptionen – „Lesen durch Schreiben" zumindest in den letzten zehn Jahren, der „Spracherfahrungsansatz" seit seiner Verbreitung Mitte der 1980er Jahre.
5. In der Praxis unterrichten Lehrer in der Regel auch so. Ausnahmen gibt es – wie bei jeder anderen Konzeption oder Methode auch.
6. Die großen Zahlen von Erwachsenen mit Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben stammen allerdings aus Zeiten, in denen traditionell mit Fibeln und Sprachbüchern unterrichtet wurde.
Fazit: Die Probleme liegen nicht in einem falschen Anfangsunterricht, sondern in Schwächen manchen Rechtschreibunterrichts ab Klasse 2 und bis in weiterführenden Schulen hinein - oft mit falschen Regeln, die sich seit Jahrzehnten in den Übungsheften behaupten. Hier besteht Anlass aufzuräumen.

gez. Prof. Dr. Hans Brügelmann

Leserbrief zu: Kan man so schreiben lärn?
Der Bericht über den Deutschunterricht in Grundschulen kann einen schon ärgerlich machen. Da wird als Zusammenfassung einer Expertenanhörung im Landtag geschrieben: "Lehrerverbände und Bildungsexperten wollen den Deutschunterricht in der Grundschule reformieren". Anlass dieser Reform sei: Die meisten Grundschüler in NRW lernen die Rechtschreibung nach dem Muster "Schreib, wie du sprichst - der Rest kommt von allein".
Der Leser soll sich wohl kopfschüttelnd fragen: Was hat Rot-Grün aus den Grundschulen gemacht?
Nun war ich selber bei der Anhörung als einer von elf Experten geladen, war aber wohl auf einer anderen Veranstaltung, denn zwei der vom Journalisten zitierten Menschen, Herr Silbernagel und Frau Balbach, waren bei der Veranstaltung nicht als Experten dabei.
Alle tatsächlich geladenen Experten ließen dem Antrag der FDP wenig Chancen. Sie stimmten überein, dass es kaum Schulen gibt, in denen nach der Methode "Lesen durch Schreiben", so wie sie in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vorgestellt wurde, unterrichtet wird, denn auch bei dieser Methode habe es Weiterentwicklungen gegeben. Alle schienen einig, dass von dieser Methode wichtige Impulse für eine Modernisierung des Deutschunterrichtes in Grundschulen ausgegangen sind. Alle waren einig, dass das Lesen und Schreiben der Bildungssprache Deutsch für die Grundschule eine zentrale Aufgabe darstellt, wobei Schreiben-Können nicht auf die Rechtschreibung reduziert deren darf. Einigkeit bestand auch darin, dass dieser Lernprozess nicht am Ende der Grundschulzeit abgeschlossen ist, sondern weitergehen muss in der Sekundarstufe und darüber hinaus.
Angesichts der Vielfalt der methodischen Möglichkeiten gab es unter den Experten aber keine Einigkeit über den Königsweg zur sicheren Rechtschreibung. Das aber entspricht genau der Vielfalt der Schülerschaft, deren individuelle Förderung ja eine zentrale Aufgabe des Schulgesetzes ist. Mit der Vielfalt der Methoden umzugehen, ist ein wichtiges Ziel von Lehrerbildung und eine ständige Herausforderung an die Kollegien der Grundschulen.
Insgesamt war diese Anhörung ein Austausch unter Experten auf hohem Niveau, dem man ein größeres Publikum gewünscht hätte. Von diesem Niveau ist im Artikel leider nichts übrig geblieben.
So frage ich mich: Wieso musste der arme Journalist ein Beispiel für fantasievolle Textproduktion abliefern? Wie hat es dieser Text auf die Titelseite der Zeitung geschafft, wo er doch höchstens auf die Romanseite passt!?
Oder die Schlagzeile variierend „Kann man so übers Lernen schreiben?"

gez. Baldur Bertling

Picknick im Wald

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