Lesenlernen durch Schreiben - neue Erkenntnisse

Dass das Lesenlernen tatsächlich über das Schreiben funktioniert, also über das eigenständige Konstruieren von Buchstaben, können alle, die mit der Metode LdS arbeiten, schon lange durch erfolgreiche Praxis belegen. Wissenschaftler, insbesondere Hirnforscher, können dies inzwischen auch nachweisen, aktuell nachzulesen (in Auszügen) in einem Beitrag in "bild der wissenschaft " 2/2016:

Das Gehirn reagiert auf das Schreiben wie auf alle Bewegungen: Es speichert sie im motorischen Gedächtnis ab. Wissenschaftler von der Universität Aix-Marseille lokalisierten 2013 in einer Metastudie jene Bereiche des Gehirns, die beim Schreiben mit der Hand aktiv sind. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk von zwölf Arealen in und unterhalb der Großhirnrinde, vornehmlich in der linken Gehirnhälfte. Für jeden Buchstaben und jedes Wort legt das Gehirn eine motorische Gedächtnisspur in Form neuer Nervenverbindungen an, die bei Bedarf abgerufen werden kann.
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Lesen ist eine enorme Herausforderung für das Gehirn. Fünf Mal pro Sekunde zerlegt es die Symbole auf dem Papier in Millionen winziger Punkte und produziert daraus laute, Wörter und Bedeutungen. Die Schreibbewegung der Hand wirken bei diesem komplexen Prozess wie Wegweiser im Buchstabenchaos – von Kindesbeinen an. 2012 zeigten die Psychologinnen Karin James und Laura Engelhardt von der Indiana University in Bloomington fünfjährigen Kindern, die noch nicht lesen und schreiben konnten, Bilder von Buchstaben. Anschließend malten die Kinder die Buchstaben entweder freihändig auf ein weißes Blatt, zeichneten sie anhand eine vorgegebenen gepunkteten Linie nach oder tippten sie auf einer Computertastatur ein. Als die Kinder die Buchstaben-Bilder erneut zu sehen bekamen, beobachteten die Psychologinnen im Tomografen, wie ihr Gehirn reagierte.
Bei den Kindern, die die Buchstaben freihändig aufgezeichnet hatten, waren drei Gehirnregionen aktiv: eine Region in der linken höheren Sehrinde sowie zwei motorische Regionen, eine im Frontalhirn und eine in der Parietalrinde. Diese Areale arbeiten auch bei Erwachsenen, wenn sie schreiben oder lesen. Bei den Kindern, die die Buchstaben zuvor nur nachgezeichnet oder getippt hatten, gab es zwar Reaktionen in jenen Bereichen des Gehirns, die für das Sehen und das Verarbeiten von Sprache zuständig sind, nicht jedoch in den motorischen Arealen.

Beim Nachzeichnen wird die Bewegung nicht bewusst geplant. Wer dagegen selbst Hand anlegt (und konstruieren muss - Anmerkung MH), bekommt Informationen motorischer Art. Dadurch fällt nicht nur das Erkennen einzelner Buchstaben, sondern auch das Lesen ganzer Wörter leichter, wie Kiefer in einer Studie mit Kindergartenkindern kürzlich nachgewiesen hat. Das Gehirn ist darauf angewiesen, möglichst reichhaltige unmittelbare Erfahrungen zu sammeln.


Bettina Gartner: Schlau durch Stift, in: bild der wissenschaft  2/2016, Seite 58-61

Picknick im Wald

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