"Lesen durch Schreiben" Was ist das?

Was ist "Lesen durch Schreiben"?

Für ein Kind, das in die Schule kommt, steht der Leseunterricht im Mittelpunkt des Lerngeschehens der ersten Klasse, Lesen zu können ist ein ganz bedeutendes Ziel.
Der Erfolg oder der Misserfolg bei diesem Lernprozess ist für jedes Kind von entscheidender Bedeutung für sein künftiges Schulschicksal.
Im Erstleseunterricht geht es also immer um mehr als nur um das Lesenlernen. Deshalb ist Lesen durch Schreiben mehr als ein Leselehrgang, es ist eigentlich erst in zweiter Linie ein (Erst)Leselehrgang.
In erster Linie ist es der Versuch, dem Ideal eines offenen, kommunikativen und selbstgesteuerten Unterrichts den Weg zu bereiten, indem die Kinder nicht nur das Lesen, sondern auch das Lernen lernen.

In diesem Sinne orientiert sich auch die aktuelle Neuausgabe an einem erweiterten Lesebegriff, der Lehrgang enthält entsprechend manch Ungewohntes, was sonst nicht Bestandteil von Leselehrgängen ist: Tabellen, grafische Darstellungen, mathematisierte Informationen, Übungen zum Bildverständnis und zur Wahrnehmung u.a..
Denn „Lesen“ heißt „Verstehen“, und weil Verstehen Denken voraussetzt, kann man, auf den Punkt gebracht sagen: Lesen heißt Denken!
Das ist der Grund, warum das Lernangebot von Lara und ihre Freunde der Denkerziehung einen gleichrangigen Stellenwert zuerkennt und in großem Maße auch mit scheinbar lesefremden Aufgaben bestückt ist. Versteckte Gegenstände suchen, Bilder vergleichen, Zählen, mit Merkmalstabellen umgehen, mit Diagrammen arbeiten oder Logicals lösen hat also durchaus mit Lesekompetenz zu tun.
Lesen als „Verstehen“ heißt in unserer komplexen Welt, informationstüchtig zu sein, d.h. Informationen unterschiedlichster Art finden, ordnen und verwerten zu können.
Ziel des Leseunterrichts ist nicht nur, dass ein Kind lesen kann, sondern dass es fortwährend lesen tut, d.h. dauerhaft zum Lesen motiviert ist. Um das zu erreichen, braucht es abwechslungsreiche Aufgabenstellungen, die allen unterschiedlichen Lerntypen Chancen für Erfolgserlebnisse bieten.
Wichtig ist und bleibt dabei die Motivation. Aus diesem Grund zeigt das Lernangebot von Lara und ihre Freunde auch keinen regelmäßigen Anstieg des Schwierigkeitsgrades, sondern eine Art Schwierigkeits-Achterbahn. Der sog. Steilheitsgrad in der Zunahme der Anforderungen muss nicht gleichmäßig sein, Ausreißer sowohl nach unten wie auch nach oben sind erwünscht: nach oben, damit auch leicht lernende Kinder noch gefordert werden, nach unten, damit auch schwächere mithalten können.

Lesen durch Schreiben geht von der pädagogischen Grundüberzeugung aus, dass die meisten Kinder aus sich heraus lernfähig und lernbereit sind, denn „das Gehirn, so lautet die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Hirnforscher, lernt immer, und es lernt das am besten, was einem Heranwachsenden hilft, sich in der Welt, in die er hineinwächst, zurecht zu finden und die Probleme zu lösen, die sich dort und dabei ergeben.“ (Gerald Hüther).

Lesen durch Schreiben geht von der didaktischen Grundüberzeugung aus, dass viele didaktisch-methodische Maßnahmen der Schule das kindliche Lernen eher stören als unterstützen. Leitend ist die psycholinguistische Hypothese, die besagt, dass der Anteil von Nachahmungsleistungen, d. h. Aneignung und Übernahme von lesetechnischen Verfahrensweisen, im Bereich des Lesenlernens recht gering ist, da Kinder nur durch aktive, innere Gestaltungsprozesse die Kompetenz über die Schrift erwerben. Entsprechend ist der Selbstaktivität der Kinder ein Maximum an Spielraum zu lassen, sind die unumgänglichen Anteile rezeptiven Lernens so klein wie möglich zu halten.
Hierzu bietet die Methode Lesen durch Schreiben beinahe ideale Voraussetzungen:
1.    Dank der Buchstabentabelle kann von Anfang an mit dem ganzen Alphabet, und d. h. zugleich mit einem unbegrenzten Wortschatz, gearbeitet werden. Dies enthebt den Unterricht von den Künstlichkeiten, die bei der synthetischen Methode durch die vermeintlichen Aufbaufolgen in der Einführung eines Buchstabens nach dem andern geschaffen werden und in den ersten Phasen des Leseunterrichts den verwendbaren Wortschatz in sprachdidaktisch kaum zu rechtfertigender Weise reduzieren.
2.    Die Kinder können selbst bestimmen, was sie schreiben wollen. Entsprechend schreiben sie, was für sie von Interesse und Bedeutung ist. So wird die informative, kommunikative und expressive Funktion von Texten unmittelbar erlebt und festigt im Kind das Bewusstsein, dass Geschriebenes Sinn enthält. Gleichzeitig wird der Prozess des Schreiben- und Lesenlernens als etwas erfahren, was eigene Kompetenzen erweitert und im Alltag gebraucht werden kann.
3.    Das Problem der Sinnentnahme entfällt, da das Kind weiß, was es schreiben will. Das Kind kann so zunächst seine ganze Aufmerksamkeit auf den technischen Umsetzungsprozess richten. Damit entfällt auch das Hauptproblem traditioneller Leseverfahren - das Zusammenschleifen. Gleichzeitig wird dem Kind auf selbstverständliche Weise bewusst, dass Schreiben informieren und Lesen Sinnentnahme bedeutet.
4.    Das Schreiben- und Lesenlernen erfolgt hauptsächlich über aktive und kaum über rezeptive Prozesse. Die Kinder erwerben die Kompetenz über die Schrift ohne Nachahmungslernen, was zu einer besseren langfristigen Verankerung des Gelernten führt.
5.    Lernt das Kind durch Schreiben lesen, dann bleiben ihm Misserfolge beim Lesen weitgehend erspart, da es erst dann im Unterricht liest, wenn es lesen kann - vorher schreibt es. Die hinlänglich bekannte Situation, in der ein „schwaches“ Kind zwangsläufig bloßgestellt wird, weil es mühsam einen Text vorstottern muss, während die Klasse mehr oder weniger aufmerksam „mitliest“ und die Lehrerin mit Korrekturen "hilft", gehört hier der Vergangenheit an. Langweilige Lesestunden gibt es keine mehr, das Verleiden des Lesens schon im 1. Schuljahr wird vermieden. Zudem werden durch diesen Umstand „schwache“ Kinder in einem Maße psychologisch entlastet, was kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.
6.    Die Selbständigkeit im Lernen verhindert „legasthenische“ Fehlentwicklungen und vermittelt Erfolgserlebnisse. Dadurch wird das natürliche Selbstbewusstsein der Kinder immer wieder gestärkt. Unter pädagogischen Aspekten betrachtet ist dies der Hauptvorteil des Verfahrens.
7.    Lesen durch Schreiben vermittelt dem Kind die Überzeugung, es habe sich das Lesen und Schreiben selbst beigebracht, nicht die Lehrerin. Schreiben wird damit zu einem Ausdrucksmittel, das die Kinder - individuell verschieden - ganz natürlich anwenden. Sie schreiben Mitteilungen und Briefe, sie dichten kleine Geschichten, sie führen "Tagebuch", beschriften Zeichnungen, drücken Zu- und Abneigungen aus usw.. Sie trennen nicht zwischen Schule und Alltag. Schreiben ist damit nicht etwas, das lediglich zur Schule gehört, sondern etwas, das in den eigenen Alltag einbezogen wird und dadurch einen selbst-aktiven "natürlichen" Zugang zur Schrift und zum Lesen eröffnet.

Diese lehrgangsspezifischen Vorteile ermöglichen einen individualisierenden Unterricht, der Lehrerin und Kindern große Gestaltungsfreiräume eröffnet, welche ihrerseits auf Sozialklima, Arbeitshaltung und Können der Kinder zurückwirken. Ein freies, friedliches Sozialklima mit deutlich verminderter Aggressivität ist als Folge eines Unterrichts mit Lesen durch Schreiben feststellbar. Die selbständige Arbeitshaltung und offene Lernbereitschaft der Kinder fallen auf. Die Kinder haben Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit, sie haben entsprechende Erfahrungen im Lernen gemacht. Sie sind auf Sprache mit allen dazugehörenden Einzelheiten sensibilisiert, gleichzeitig ist ihre spontane Schreibfreude ungebrochen. Und schließlich: sie lesen viel und gerne - mit einem erstaunlichen Sinnverständnis."Lesen durch Schreiben" – das muss angesichts der aktuellen Diskussionen betont werden – ist ein Leselehrgang, auch (und gerade) wenn die Kinder zunächst nicht lesen, sondern ausschließlich schreiben, oder, wie Jürgen Reichen es genannt hat, "verschriften". Hauptziel ist die Lesekompetenz – so paradox das womöglich für diejenigen, die das Konzept nicht im Einzelnen kennen, erscheinen mag.


Textsammlung "Lesen durch Schreiben"

Dr. Jürgen Reichen

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* 27. August1939 † 19. Oktober 2009

war ein u.a. in Basel und Hamburg lehrender Schweizer Reformpädagoge.

Er studierte an der Universität Basel Lehramt an Grundschulen und Psychologie, wurde Lehrer und promovierte 1970 in Psychologie.

Er entwickelte im Auftrag der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich gemeinsam mit anderen das Prinzip des "Werkstattunterrichts" und ind er Folge die Methode "Lesen durch Schreiben". Er vermittelte dieses Konzept nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, u.a. am Hamburger Institut für Lehrerfortbildung. Gleichzeitig unterrichtete er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2006 an der Schule Rellingerstraße in Hamburg.

Jürgen Reichen hatte für die LehrerInnen, die sich für LdS interessierten, eine hohe Glaubwürdigkeit, denn er wusste, wovon er sprach, wenn er sich über Unterricht und Schulgeschehen unterhielt. Seine Ideen und Überlegungen hatten ihren Ursprung im Schulalltag. Er war eben nicht nur der Theoretiker, sondern ein Lehrer wie sie, mit allen Sorgen, Nöten und Erfolgen. Er erlag 2009 einer schweren Krankheit.

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