"Lesen durch Schreiben" Was ist das?

Jürgen Reichen - Informationen

Um die immer wieder verbreiteten unkorrekten Informationen zur Qualifikation von Dr. Jürgen Reichen richtig zu stellen, sind im folgenden die wichtigsten Stationen seines beruflichen Werdegangs (von Regina Reichen) zusammengestellt:

Jürgen Reichen besuchte bereits vor dem Abitur aus Interesse am Fachgebiet Psychologie Vorlesungen an der Universität Basel, insbesondere Vorlesungen von Prof. Hans Kunz (Mitbegründer der Fachzeitschrift „Psyche“) von dessen Persönlichkeit er sehr beeindruckt war. Den beiden Richtungen Phänomenologie und Hermeneutik fühlte sich Jürgen Reichen zeitlebens verpflichtet.

Jürgen Reichen arbeitete während des gesamten Studiums, zunächst als Werkstudent in einer Speditionsfirma, nach seiner Heirat 1963 als Vertretungslehrer mit großem Erfolg in den Basler Sonderschulen (aufgrund seines Psychologie-Studium und seiner Erfahrungen als Gründer und Leiter der Pfadfindergruppe „Trotz allem“ (Behindertengruppe der offiziellen Pfadfinder Basel-Stadt) war er dazu geeignet).

Prof. Kunz verlangte von seinen Hauptfach-Studenten das Erlernen eines Brotberufs, da er davon überzeugt war, dass die Erfahrung eines Berufs sowie die damit einhergehende Unabhängigkeit für einen Psychologen unerlässlich seien. Da Jürgen Reichen nun auch eine Familie zu ernähren hatte - 1964 kam sein Sohn und 1965 seine Tochter auf die Welt - und er bereits Erfahrungen mit Schülern hatte, absolvierte er neben dem Studium das Lehrerseminar im Kanton Basel-Land in Wittlinsburg. Die offizielle Ausbildung zum Grundschullehrer im Kanton Basel-Stadt bestand aus einer Eignungsaufnahme-Prüfung, (Voraussetzung: Alter 18 Jahre, Abitur, gleichwertige Schulbildung), einer 2-jährigen Ausbildung mit begleitenden Praktika bei ausgewählten Übungslehrern sowie einer mehrwöchigen Praxis in einer „Dorfschule“ (alle Klassenstufen Grundschule in einem Raum und einem Lehrer).

Dank eines zweijährigen Stipendiums war es Jürgen Reichen möglich, beide Ausbildungen gleichzeitig zu absolvieren. Nach hervorragend bestandenem Lehrerdiplom, welches zur Führung von 1.-4. Grundschulklassen berechtigte, vertraute man Jürgen Reichen eine Stelle als Klassenlehrer einer 2. Klasse an den Primarschulen Basel-Stadt an.

Seine Dissertation schrieb er während der jeweiligen Schulferien, sie schloss das Psychologie-Studium 1970 ab.

Er arbeitete sechs Jahre als Grundschullehrer im gleichen Schulhaus in Basel und gründete hier mit verschiedenen Primarlehrern eine Lern-Gruppe, in der die ersten Anfänge von Lesen durch Schreiben (LdS) entstanden. Die Gruppe arbeitete intensiv zusammen, druckte ihre Unterrichtsmaterialien selber und war sich einig, dass einiges in den Grundschulen verbesserungswürdig sei. Die Eltern der Schüler waren angetan vom neuen Unterrichtsgeschehen, die Behörden weniger.

Als Jürgen Reichen die Möglichkeit angeboten wurde, als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich zu arbeiten, fiel es ihm nicht schwer, dorthin zu wechseln. Er wurde vom Erziehungsrat beauftragt, eine Studie zur Situation des Kindergartens des Kantons Zürich zu erstellen. Dabei hatte er vielfältigen Kontakt mit Kindergärtnerinnen und Primarlehrern, denn man war (und ist) der Überzeugung, dass Kindergarten und Grundschule eng zusammenarbeiten sollten. Diese Studie beschäftigte ihn drei Jahre, sie wurde dann offiziell vorgestellt und von den politischen Gremien verabschiedet.

Nach Abschluss der Studie beschäftigte er sich weiter mit der Grundschulpädagogik und arbeitete eng mit einer Gruppe GrundschullehrerInnen zusammen. Insgesamt war Jürgen Reichen elf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Funktion Sekretär im Kanton Zürich tätig.

Seine eigenen Erfahrungen in der Grundschule sowie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen des Kantons Zürich ließen in Jürgen Reichen die Überzeugung reifen, dass besserer Schulunterricht über ein besseres Lehrmittel mitbewirkt werden könnte. Der seinerzeit übliche Fibelunterricht befriedigte weder LehrerInnen noch Schüler. So wandte sich Jürgen Reichen wieder vermehrt den Anfängen von LdS und dem Werkstattunterricht zu, den seinerzeit Käthi Zürcher in ihrer Version in die Schule gebracht hatte. Der SABE-Verlag (heute Scola bzw. Orell-Füssli, Zürich) – damals eine Tochter des Sauerländer Verlags in Aarau – interessierte sich für LdS und war bereit, das Werk zu drucken. Mit dem damaligen Lektor, einem Sprachwissenschaftler, überarbeitete Jürgen Reichen die Anlauttabelle. Beide waren sich wohl bewusst, dass nicht alle Merkmale und Besonderheiten der deutschen Sprache in dieser Tabelle aufgeführt werden konnten, was sie in Abwägung mit den Grundideen von LdS (selbstständiges Arbeiten, Freude am Unterricht, Individualisierung, u. a.) in Kauf nahmen.

Was Jürgen Reichen besonders am Herzen lag, war das selbstständige Lernen. Hier boten sich als Kontrollsystem u.a. die Lernpuzzle des Heinevetter-Verlags an. Der Verlag Otto Heinevetter in Hamburg hatte verschiedene Trainer auf dem Markt. Diese Art von Lernkontrolle überzeugte Jürgen Reichen am meisten. Hier war es möglich, als SchülerIn unabhängig von der Lehrperson die eigenen Arbeitsergebnisse sofort zu überprüfen. Jürgen Reichen entwarf daraufhin viele Programme für die Heinevetter-Trainer, als erstes SABEFIX (heute „Big Profi“).

Jürgen Reichen erkannte frühzeitig auch die Möglichkeiten des Computers und entwickelte als einer der ersten Schreib-Programme für den Anfangsunterricht.

Es war die Zeit, in der Veränderungen in der Gesellschaft gewünscht wurden, und so entwickelten sich in allen Bereichen Alternativen zum bisher Bestehenden. Jürgen Reichens Vorstellungen von Schule und seine dafür entwickelten Unterrichtsmaterialien weckten Interesse und Neugier. Er wurde zu Vorträgen an Lehrerseminaren, Auslandschweizer-Schulen sowie Elternabenden in der Schweiz eingeladen und dadurch in der Lehrerschaft bekannt.

Auch in Deutschland wurde man auf ihn aufmerksam und er wurde zunächst sporadisch zu Vorträgen eingeladen. Schließlich schickte der NDR ein Filmteam nach Möhlin/Kanton Aargau, um in Jürgen Reichens Klasse zu filmen. Reinhard Kahls „Lob des Fehlers“ wurde einige Male in deutschen Fernsehsendern ausgestrahlt und so vergrößerte sich Jürgen Reichens Bekanntheit. Er wurde immer häufiger und zu verschiedenen Anlässen nach Deutschland eingeladen. Auch in der Schweiz fand er immer größere Beachtung, sein Werk LdS wurde in den meisten Deutschschweizer Kantonen in die offizielle Liste der zugelassenen Lehrmittel aufgenommen. Verschiedentlich durchgeführte Evaluationen bestätigten die guten Lernergebnisse, die mit LdS erzielt werden konnten, was Jürgen Reichen auch von vielen LehrerInnen direkt übermittelt wurde.

Durch die vermehrte Vortragstätigkeit mit Reisen nach Deutschland waren die Anforderungen, eine eigene Klasse zu führen, nicht mehr verantwortungsvoll zu bewältigen und Jürgen Reichen beantragte, nur noch mit 50 % an der Schule zu arbeiten. Dies wurde abgelehnt, und so verließ er nach sechs Jahren Unterricht in der Primarstufe den Schweizer Schuldienst.

In Hamburg hatte er mit seinen Vorträgen besonders viel Erfolg. Die ihm 1995 angebotene Stelle als Dozent am Institut für Lehrerfortbildung nahm er gerne an, zumal seine Frau in der Gegend bei Hamburg aufgewachsen war und dort ein Haus besaß. Er machte jedoch zur Bedingung, einen Teil seiner Arbeitszeit als Lehrer an der Grundschule absolvieren zu dürfen. Dies wurde offiziell gestattet und er unterrichtete bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2006 an der Schule Rellingerstraße in Hamburg. Diese Schule wurde im Jahr 2012 nicht zuletzt wegen des Unterrichts und des Gedankenguts nach Jürgen Reichen von der Robert-Bosch-Stiftung als eine der besten Schulen in Deutschland ausgezeichnet.

Jürgen Reichen hatte für die LehrerInnen, die sich für LdS interessierten, eine hohe Glaubwürdigkeit, denn er wusste, wovon er sprach, wenn er sich über Unterricht und Schulgeschehen unterhielt. Seine Ideen und Überlegungen hatten ihren Ursprung im Schulalltag. Er war eben nicht nur der Theoretiker, sondern ein Lehrer wie sie, mit allen Sorgen, Nöten und Erfolgen.

Um die vielen Fragen zu LdS umfassend und seriös zu beantworten sowie die Methode als Ganzes zu erklären und zu vermitteln, bot Jürgen Reichen Seminare an verschiedenen Orten in Deutschland an. Diese Seminare wurden von der Lehrerschaft sehr geschätzt, da dort auch ein intensiver Austausch mit gleichgesinnten LehrerInnen aus ganz Deutschland möglich war. Die Erfahrungen mit diesen Kursen und die Wünsche der Kurs-TeilnehmerInnen veranlassten Jürgen Reichen, die Kurse regelmäßig zu veranstalten. So startete er in den 1990er Jahren die Wochen-Seminare in Weimar, welche jeweils in den Sommerferien, später auch Herbstferien, stattfanden. Diese Seminare hielt Jürgen Reichen bis zu seinem Tod im Jahre 2009 ab. Jürgen Reichen maß ihnen eine große Bedeutung zu, wollte er doch so weit wie möglich die Prinzipien von LdS selbst aufzeigen, denn er fürchtete „unqualifizierte Nachahmer“.

Jürgen Reichen war überzeugt davon, dass es in der Schule vor allem darauf ankommt, die Kindern selbstständig ihren eigenen Lernweg gehen zu lassen und so ihren individuellen Fähigkeiten und Leistungsvermögen gerecht zu werden. Diese Haltung erleichterte ihm, die immer wieder vorgebrachten Angriffe auf seine Arbeit und seine Person auszuhalten.

Das Thema Rechtschreibung schien Jürgen Reichen nur das „trojanische Pferd“ zu sein, mit dem die Gegner von LdS versuchten, seinem Werk und seiner Vorstellung, was einen guten Lehrer und guten Unterricht ausmache, zu schaden.

Er selbst sah die von den Kindern gemachten Fehlern als Chance, daraus zu lernen und Prinzipien von Rechtschreibung allmählich zu verstehen. Er hat Fehler niemals als Möglichkeit genutzt, Kinder vorzuführen und sie zu „belehren“.

Nachdem immer wieder die Frage gestellt wurde, wie es mit LdS in den Klasse 2, 3 und 4 weitergehen solle, entwickelte Jürgen Reichen Materialien für den Werkstattunterricht. Hierfür griff er auf die von ihm in seiner Baseler Zeit in der Schule entwickelten Unterrichtsmaterialien und die während seiner Anstellung in Zürich verfassten 60 Werkstattunterricht-Einheiten zurück (von der Arth-Goldauer-Erziehungsdirektoren-Konferenz, die Lehrmittel für die Kantone erarbeiten ließ, war er seinerzeit damit beauftragt worden).

Jürgen Reichens Werkstätten sind sehr anspruchsvoll, so dass ihnen oft der Vorwurf gemacht wurde, sie seien zu kompliziert. Er war jedoch davon überzeugt, dass in der Schule durchaus gefordert und nicht nur gefördert werden muss, und das galt für ihn sowohl für Schüler als auch LehrerInnen.

Jürgen Reichen nur auf LdS und die fälschlicherweise immer wieder „Anlauttabelle“ genannte Buchstabentabelle zu reduzieren, entspricht in keiner Weise seiner Arbeit und dem, was er mit Leib und Seele in der Schule bewirken wollte.

Dr. Jürgen Reichen

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* 27. August1939 † 19. Oktober 2009

war ein u.a. in Basel und Hamburg lehrender Schweizer Reformpädagoge.

Er studierte an der Universität Basel Lehramt an Grundschulen und Psychologie, wurde Lehrer und promovierte 1970 in Psychologie.

Er entwickelte im Auftrag der Erziehungsdirektion des Kantons Zürich gemeinsam mit anderen das Prinzip des "Werkstattunterrichts" und ind er Folge die Methode "Lesen durch Schreiben". Er vermittelte dieses Konzept nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, u.a. am Hamburger Institut für Lehrerfortbildung. Gleichzeitig unterrichtete er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2006 an der Schule Rellingerstraße in Hamburg.

Jürgen Reichen hatte für die LehrerInnen, die sich für LdS interessierten, eine hohe Glaubwürdigkeit, denn er wusste, wovon er sprach, wenn er sich über Unterricht und Schulgeschehen unterhielt. Seine Ideen und Überlegungen hatten ihren Ursprung im Schulalltag. Er war eben nicht nur der Theoretiker, sondern ein Lehrer wie sie, mit allen Sorgen, Nöten und Erfolgen. Er erlag 2009 einer schweren Krankheit.

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