Ausgerechnet die Fibel

Gehört die Bonner Studie zum Rechtschreibunterricht ins Reich der Fabel?

Es ist mal wieder soweit, eine alte Sau wird durchs Land getrieben: Schreiben nach Gehör verblödet die Kinder der deutschen Nation. Mal wieder macht eine Untersuchung die Methode Lesen durch Schreiben, von der maximal 3% der Schulanfänger*innen profitieren dürfen, für 100% der Rechtschreibkollateralschäden in Deutschland verantwortlich.

Eine Bonner Untersuchung entdeckt ausgerechnet in der Fibellernmethode das Gelbe vom Ei der korrekten Orthografielehre. Dabei wissen wir aus vielen anderen seriösen Untersuchungen längst, dass sich Lernerfolge der Schüler*innen nicht signifikant aufgrund der Methode unterscheiden, sondern aufgrund der Kompetenz der sie unterrichtenden Lehrer*innen. Der Grundschulverband tut das Richtige, wenn er die Bonner Wissenschaftler auffordert, die Vorgehensweise ihrer Untersuchung offenzulegen. Solange dies nicht geschieht, sind deren Ergebnisse nicht seriös zu bewerten. Wer dies trotzdem tut, den sollte man der populistischen Hetze bezichtigen.
Wenn dann, wie im heute-Journal am 18.9.2018, abstruse Fehlschreibungen als Versagensbelege veranschaulicht werden, auf die kein*e sich ernsthaft um lautgerechte Schreibweise bemühende*r Schreibanfänger*in jemals kommen würde, darf man in Anlehnung an weiland den Spiegel getrost von einer Schurnalistnkaterstrofe sprechen.
Trittbrettfahrer wird es auch zur Genüge geben, schreibt doch jene Berufsspezies - aus alter Schulerfahrung oder aus welchen Gründen auch immer - zunehmend häufiger unrecherchiert voneinander ab. Und neben dem Deutschen Lehrerverband - von wem anders hätten wir es erwartet - werden sich bestimmt auch politische Parteien melden, ein Schelm, wer da als erstes an die FDP denkt.
Nehmens wirs also, wie es ohnehin nicht zu verhindern ist, und regen uns nicht länger darüber auf als im ersten Moment. Lesen durch Schreiben ist wieder deutschnational im Gespräch, das ist viel, viel besser, als gar nicht wahrgenommen zu werden. Zugegeben, global gelobt zu werden wäre noch schöner als nur von aufgeschlossenen Eltern fibelverschonter Kinder, aber, nütz ja nix, nutzen wir die Chance zum überzeugenden Gespräch, so lange wir im Gespräch sind. Wir haben die besseren Argumente.
Bleibt die Frage, warum es in dieser unseren deutschen Nation der Dichter und Denker nicht naheliegender wäre, sich über den semantischen Gehalt und die syntaktische Raffinesse eines Fibelsatzes wie: Lulu und Lilo sind lila aufzuregen. Und darüber, was auch schon hinreichend erforscht ist, dass sich solch bespielhafte Sprachkonstruktionen auf die freie Fabulierkunst der Fibelkinder retadierend auswirken kann. Würde hingegen Lila mit ie geschrieben, wäre es wohl wieder so weit, die hinreichend bekannte Sau neuerlich durchs Land zu treiben.

 

Picknick im Wald

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