LdS-Lehrerinnen zur Bonner RS-Studie

Die Bonner Studie zum Rechtschreibunterricht hat bei den LdS-Lehrer*innen Betroffenheit und Empörung ausgelöst. Beispielhaft veröffentlichen wir den offenen Brief von Miriam Kraus und den Facebook-Eintrag von Migge Muggelchen, beides auch leidenschaftliche Bekenntnisse zum Lehrerinnenberuf und zu „Lesen durch Schreiben".

Offener Brief von Miriam Kraus

Mein Name ist Miriam Kraus, ich bin Lehrkraft an einer Grundschule in Rheinland-Pfalz und habe dort die Klassenleitung eines ersten Schuljahres.
Da ich erst 27 Jahre alt bin, liegt meine universitäre Ausbildung und die am Studienseminar für das Lehramt an Grundschulen noch nicht lange zurück und ich bin stets interessiert, mich weiter fortzubilden und zu professionalisieren.
Mich selbst würde ich als engagiert, aber zurückhaltend beschreiben. Politische Statements, Leserbriefe und Kommentare habe ich noch nie abgegeben! - Bis jetzt! Den Artikel zur Rechtschreibstudie der Uni Bonn und das Interview mit Frau Röhr-Sendlmeier zu lesen haben mich nämlich sehr enttäuscht, ja, ich habe mich sogar irgendwie doch persönlich angegriffen gefühlt.

Das Konzept „Lesen durch Schreiben" sagt schon alleine vom Namen her aus, dass es sich hierbei um eine Lesedidaktik, nicht um ein Rechtschreibkonzept handelt! Dieses Konzept kann und darf nicht für schlechte Rechtschreibleistung von Schülerinnen und Schülern verantwortlich gemacht werden, denn die Aussage „Schüler schreiben ab der ersten Klasse so, wie sie meinen, dass es richtig ist - oft bis zur dritten Klasse. Korrekturen sind in der Regel nicht vorgesehen." kann so nicht alleine stehen. Beispielsweise in Rheinland-Pfalz gibt es den Teilrahmenplan Deutsch, der fünf Kernbereiche des Deutschunterrichts an Grundschulen nennt: Sprechen und Zuhören, Lesen, Umgang mit Texten und Medien, Schreiben, Sprache und Sprachgebrauch. Jede Lehrkraft die das Konzept „Lesen durch Schreiben" als alleiniges Konzept für den Schriftspracherwerb anwendet, handelt nach meiner Auffassung pädagogisch falsch. Es ist die Aufgabe der Lehrer alle Kernbereiche in den Blick zu nehmen und neben dem Lesenlernen durch das Konzept von Herrn Jürgen Reichen auch ein passendes Rechtschreibkonzept zu wählen und den Schülerinnen und Schülern frühzeitig zu vermitteln. Der Lehrgang nach Reichen, mit dem Lernbilderbuch „Lara und ihre Freunde", ist ungefähr im Zeitraum von Sommer bis Ostern im ersten Schuljahr zu bewältigen. Danach gibt es leider aufgrund des Tods von Herrn Reichen kein Anschlusswerk. Es ist also gar nicht möglich, sich bis zum dritten Schuljahr auf dieses Konzept zu berufen und Fehler unkommentiert zu lassen.
Sicher können in freien Schreibphasen Fehler unkommentiert bleiben, die Zielsetzung in diesem Moment ist aber auch nicht das Rechtschreiben-, sondern das Lesenlernen.
Im Lob um den systematischen Fibelansatz wird beschrieben, dass Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt werden.
Da frage ich: wie soll solch ein Lehrgang allen Kindern gerecht werden?
Auch ohne jegliche pädagogische Kenntnis muss doch auffallen, dass im ersten Schuljahr die Altersspanne bei ca. zwei Jahren liegt. Schülerinnen und Schüler die bereits mit fünf Jahren eingeschult wurden und Kinder, die bereits sieben sind. Zwei Jahre sind bei solch jungen Kindern im Bezug auf ihre Entwicklung eine enorme Spanne. Hinzu kommt die Inklusion, die bildungspolitisch beschlossen und auf den Weg gebracht wurde, ohne dies in Lehrerausbildung, Schulausstattung und personellem Netz möglich zu machen. Sollen Kinder der ersten Klasse mit Behinderung im Gleichschritt mit Kindern lernen, die hochbegabt sind? Jede Woche ein Buchstabe?
Und dann können sie alle nach ein paar Wochen Momo und Oma lesen und schreiben - und zwar genau nur das und nicht mehr oder weniger?
Das ist absoluter Unsinn und leider sehr weit entfernt von der Realität in deutschen Klassenzimmern.
Frau Röhr-Sendlmeier wird zitiert, dass der Fibellehrgang Ungleichheit weitgehend ausgleicht. - Wie traurig! Soll Gleichheit wieder unser Ziel sein? Homogene Lerngruppen wie zu „alten Zeiten". Und jeder der nicht mitkommt fällt aus dem System? Mit dem Inklusionsgedanken ist das nicht vereinbar und mit bildungspolitischen Beschlüssen auch nicht. (Beispielsweise sind Klasse 1 und 2 eine pädagogische Einheit, in der niemand sitzen bleiben darf. Was ist also mit denen, die nicht in den Gleichschritt kommen?)
Frau Röhr-Sendlmeier sagt im Interview außerdem, dass der Fibellehrgang in ihren Augen angeblich deswegen erfolgsversprechender wäre, weil Lehrer hier klare Vorgaben an die Hand bekommen. Das ist nach meinem Empfinden zwischen den Zeilen eine Abwertung aller kompetenten Lehrkräfte. Wer seine Ausbildung aufmerksam verfolgt, sich auch nach Jahren der Berufserfahrung weiterbildet und den Fokus auf jedes einzelne Kind nicht verliert, sollte keine engmaschige Vorgabe bekommen, sondern in der Lage sein, individuelle Entscheidungen passend für die eigene Lerngruppe zu treffen. Eben gerade wegen der Inklusion und der enormen Leistungsspanne, bei der auch die Migration verbunden mit mangelnder Sprachkenntnis eine zusätzliche bedeutsame Rolle spielt, hilft ein engmaschiger immer gleicher Fibellehrgang überhaupt nicht weiter, sondern verstellt den Blick auf das einzelne Kind!
Wenn es so ist, dass Lehrer nicht kompetent genug sind, den Unterricht flexibel zu gestalten, ist das eher ein Armutszeugnis für die Lehrerausbildung, als ein Pluspunkt für Fibellernen. Trotzdem kann und muss ich leider zustimmen, dass wohl der ein oder die andere LehrerIn besser beraten ist, einen sehr strukturierten Lehrerband zu einem beliebigen Lehrwerk in die Hand zu bekommen. Warum? Trauriger Weise, weil es genug Pädagogen gibt, die sich eben nicht fort- und weiterbilden (weil es bedauerlicher Weise nicht verpflichtend ist) und unter anderem auch, weil es viel zu viele Menschen in unserem Schulsystem gibt, denen das fachlich fundierte Wissen fehlt. Wie viele Lehrkräfte unterrichten als Quer- und Seiteneinsteiger oder mit der Ausbildung in einer anderen Schulart, ohne jegliche fachliche Kenntnis über Lese- und Schreibdidaktik oder die entsprechende entwicklungspsychologische Kenntnis? Da passiert sicher genau dass, dass es heißt „Es sind noch Arbeitsblätter da, nimmt dir eins".
Dann sind wir aber an einem viel dramatischeren Punkt, als "nur" bei schlechter Rechtschreibung. Dieses Problem lässt sich dann nämlich genau so auch auf Mathematikunterricht und jedes beliebige andere Unterrichtfach übertragen: mangelnde Unterrichtsqualität!
Wenn der Unterricht nicht strukturiert, anschaulich und motivierend gestaltet ist, lernen die Schüler nicht, ganz egal mit welcher Methode. Die Studie wäre als deutlich aussagekräftiger, wenn die Unterrichtsqualität (für die es klare Richtlinien gibt, in Rheinland-Pfalz beispielsweise den „Orientierungsrahmen Schulqualität") mit der Schülerleistung in Verbindung gebracht worden wäre.
Ich möchte deswegen noch einmal auf die Methode „Lesen durch Schreiben" zurückkommen. Die Idee, dass Kinder eine Tabelle mit Buchstaben und Bildern bekommen, ist längst nicht mehr nur im Konzept von Reichen zu finden, sondern in unzähligen anderen Lehrwerken auch zu finden. Nirgends ist es aber die Absicht, dass sich das Kind damit unsere Alphabetschrift alleine aneignet.
Wer diese Methode aber wirklich in seiner Reinform anwendet, lässt sich überhaupt nicht nachvollziehen. Zu Beginn dieses Jahres wurde eine Fortbildung zum Thema vom Heinevetter Verlag in Hamburg angeboten, mit den direkten Mitarbeitern von Herrn Reichen als Dozenten - das Seminar wurde wegen zu geringer Teilnehmerzahl nicht durchgeführt.
Im Sommer fand in Weimar erneut ein Seminar statt. Als ganz Deutschland waren gerade mal weniger als 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Ob die 511 Kinder der Studie also  wirklich nach den pädagogischen Maßstäben von Jürgen Reichen unterrichtet wurden, halte ich für fragwürdig.

Meine Ausführungen könnte ich nun noch ewig weiterführen - aufgebracht und enttäuscht, doch ich möchte an dieser Stelle ein Ende finden, um mich wieder meiner Unterrichtsvorbereitung zu widmen, qualitativ und strukturiert. Morgen werden die Kinder wieder eine Geschichte von Lara und ihren Freunden hören und danach mit der Buchstabentabelle selbst Wörter schreiben. Mit gutem Gewissen und dem Gefühl trotzdem auch die Rechschreibung nicht zu vernachlässigen - ich war im Sommer auf der Fortbildung in Weimar.
Der Überschrift Ihres Interviews möchte ich dennoch etwas hinzufügen: Es gibt viel Leid in den Familien - Ja! Leider! Durch riesige Unsicherheit und Unwissenheit, wodurch man leicht empfänglich wird für solche Halbwahrheiten oder nicht fundierten pädagogischen Aussagen wie der, dass nach der „Lesen durch Schreiben" - Methode bis zur dritten Klasse nicht korrigiert wird. Gerade das fördert den Druck auf die Kinder aus Sorge der Eltern.
Dazu kommt, dass auch Lehrkräfte Artikel wie Ihre lesen und ohne ihr Wissen zu vertiefen diese Aussagen an Eltern weitergeben. Andere Lehrer sagen dann etwas anderes und die Unsicherheit der Eltern ist perfekt.
Auch unsere Lokalzeitung hat Ihre Artikel zitiert und zusammengefasst auf wenige Zeilen populistische unreflektierte Zeilen gedruckt. Die Propaganda läuft - auch in unserem Lehrerzimmer.
Schade!

 

Facebook-Post von Migge Muggelchen

Ich schreibe nicht so oft auf Facebook, doch nun möchte ich zu einem mir höchst persönlichen Thema doch etwas schreiben. Ich bin seit zehn Jahren Lehrerin. Ich unterrichte Kinder in ihren ersten vier Schuljahren an der Grundschule. Ich liebe Sachsen, bin hier geboren, lebe hier und arbeite hier. Ich habe den schönsten Beruf der Welt gelernt. Ich kann Kinder auf ihrem Weg in unsere Welt begleiten und möchte und kann ihnen unter anderem die Kulturtechniken Lesen und Schreiben beibringen. Das mache ich, mit meinen Kolleginnen und Kollegen, sehr gut. Ich habe mich während meiner Ausbildung bewusst für eine nun umstrittene Methode entschieden. Ich unterrichte „Lesen durch Schreiben“! Die starke Diskussion über dieses Thema ist sehr interessant, doch zugleich sehr zermürbend, da man sich unentwegt rechtfertigen muss, eine moderne und gute Lehrmethode gewählt zu haben. In die Kritik ist diese, „meine“ Methode, meiner Ansicht nach, in einer Zeit geraten, da sich das Bild und die Bildung unserer Gesellschaft ändert. Schule und Lehrer sind zum Sündenbock für die Degeneration der Rechtschreibleistung unserer Kinder und Jugendlichen gemacht worden. Vater Staat spart an Schulen, an Ausbildung und Einstellung von Lehrern. Und seit geraumer Zeit sparen wir wieder an Unterricht. Der Sport- und Deutschunterricht der 4. Klassen wird eingekürzt. 1983 hatten 4. Klässler noch 14 Stunden Deutsch in der Woche. Zur Zeit unterrichten wir 9 Stunden, ab 2019 nur noch 8 Stunden. Ein weiterer Fakt ist, dass der Rechtschreibunterricht nicht den gesamten Unterricht einnimmt. Lesen, Grammatik, Schreiben, Sprechen und der Umgang mit Medien werden auch noch unterrichtet. Nun zu „Lesen durch Schreiben“: Dies ist eine Methode, die es ermöglicht über das Schreiben zum Lesen zu gelangen. Denn Schreiben kann ich als Lehrerin den Kinder zeigen. Ich wähle einen Laut aus und schreibe das entsprechende Symbol (Buchstabe) dafür. Nun reihe ich alle Laute aneinander und erhalte mein gewünschtes Wort. Durch den ständigen Gebrauch der Laute und Buchstaben lernen Kinder lesen. Lesen geschieht bei jedem einzelnen individuell im Kopf. Ich kann Lesen nicht zeigen oder vorführen, was da genau in meinem Gehirn passiert. Daher übt man Schreiben. Solange bis sich Lesen einstellt. Und es stellt sich ein! Bei mir haben auf diese Weise schon 75 Kinder Schreiben und Lesen gelernt. Und wie „meine“ Kinder lesen - es ist toll. Der Leselehrgang ist allerdings in Klasse 1, spätestens in Klasse 2 abgeschlossen. Sobald Kinder lesen können, was sie schreiben, setzt das Rechtschreibtraining ein. Wenn Lehrer/innen das vergessen, können doch nicht alle LdS-Lehrende über einen Kamm geschert werden! Es ist auch falsch zu behaupten, dass Fehler ignoriert werden! Es wird genau geschaut, ob alle Laute vollständig und richtig sind! Spätestens ab Klasse 2 folgt der Rechtschreibunterricht, in dem alle Regeln besprochen und geübt werden. Und seien wir ehrlich: Rechtschreibung ist ein schweres Gebiet. Deutsch ist eine komplizierte Sprache mit vielen Besonderheiten, die alle gelernt werden müssen! Und dieses Lernen soll nach 4 Jahren abgeschlossen sein? Rechtschreibung lernt man ein Leben lang. Zum Üben gibt es in der Grundschule kaum Zeit. Diese wird aber intensiv genutzt. Dennoch ist die Schule und vor allem der Schüler auf die Mithilfe des Elternhauses angewiesen. Ich habe als 8jährige nicht alleine dagesessen und eine Urlaubskarte an die Oma geschrieben. Nein! Da saß meine Muttsch (Dankeschön) daneben und hat geholfen! In Poesie-Alben war auch nicht die Hälfte der Antwort vorgegeben und ich musste ankreuzen. Kindern wird im heutigen Alltag viel abverlangt. Aber gehört die richtige Schreibung noch dazu? Lasst sie mehr schreiben! Dann haben sie immanente Förderung. Ich bin fest davon überzeugt, dass das Rechtschreibverständnis angeboren ist. Wem es schwer fällt, richtig zu schreiben, helfen Strategien, welche er üben muss. Diese lernt er in der Grundschule. Anwenden muss er sie im Alltag. Des Weiteren wundere ich mich sehr, dass „Lesen durch Schreiben“ die Ursache der Rechtschreibprobleme sein soll, denn sage und schreibe 3 % aller Schüler in Deutschland werden so unterrichtet! 3 Prozent! Alle anderen 97% müssten doch wunderbar zurechtkommen. Nur 3% erfahren, wie es ist, den in 6 Lebensjahren erworbenen Wortschatz auch benutzen zu dürfen und nicht nur „Mia bei Oma“ (ein wirklich toller deutscher Satz) schreiben zu dürfen. Auch wundere ich mich darüber, dass in Sachsen keine Klassen für derartige Studien ausgesucht werden. Wir gewinnen fast jährlich die besagte IGLU. Hier finden wir weitaus mehr „Lesen durch Schreiben“-Klassen als anderswo in Deutschland. Gern können Zweifler nachfragen bei unseren Kindern und Eltern, was sie von der Methode halten. Es wäre auch nur gerecht, diejenigen zu fragen, die die Grundschule erfolgreich durchlaufen. Lasst uns nicht der Sündenbock sein für eine Entwicklung der wir entgegenwirken wollen. Und das Tag für Tag. Wir möchten uns nicht für fortschrittlichen Unterricht entschuldigen, an dem die Kinder und wir Freude haben und durch welchen grandiose Persönlichkeiten gefördert und gefordert werden und nicht jeder im Einheitsbrei untergeht. Brecht mit mir eine Lanze für eine tolle Methode, die richtig unterrichtet, wegweisend für guten Unterricht stehen kann und teilt diesen Beitrag. ICH UNTERRICHTE „LESEN DURCH SCHREIBEN“. UND ICH MACHE DAS GUT!

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